InSPEYERed inspiriert durch die Transition Town Bewegung

Wer wollen wir sein? Wo wollen wir hin? Und in welche Richtung wollen wir in Speyer wirken? Diese Fragen hat sich der gemeinnützige Verein inSPEYERed unterstützt durch die Transition Town Trainerin Silvia Hable am ersten Märzwochenende 2020 gestellt. Hier eine der Geschichten bzw. Visionen, die dort als „Kommunikation des Wandels“ entwickelt wurden.

Speyer ist eine lebenswerte Stadt: wir sind gut angebunden an die Welt, wir beherbergen viele wohlhabende Bürgerinnen und Bürger — auch dank der florierenden Wirtschaft, in die wir eingebettet sind. Wir haben eine Hauptstraße mit vielen schönen Geschäften und wir sind ein Bildungsort, sogar mit Universität.

Ein getrübtes Bild

Doch manche Ereignisse trübten dieses Bild: Trump wurde Präsident in den USA, die EU wurde vom Brexit erschüttert, Rassismus und Hass werden lauter in der Gesellschaft und die ökologischen Katastrophenszenarien begegnen einem immer öfter in der Zeitung, aber auch in den heißen und trockenen Sommern oder in den stillen und kranken Wäldern in der Umgebung Speyers. Obwohl wir zu den Menschen gehören, die alles haben, fiel es einer kleinen Gruppe Speyererinnen und Speyerern zunehmend schwer, diesen Überfluss zu genießen.

Je genauer man hinschaut, desto schwerer fällt es zu ignorieren, dass wir zwar frei sind, dort hinzugehen, wo wir wollen, aber gleichzeitig nicht mehr ohne schlechtes Gewissen fliegen können. Dass wir zwar Geld haben, es aber nicht mehr unbesorgt ausgeben können, weil uns immer mehr bewusst wird, dass vom Steak bis zum Bikini unser Konsum nicht ohne negative Effekte für Menschen und Natur an anderen Orten bleibt. Dass wir zwar eine gute Bildung genießen und einen gute Job haben, aber gleichzeitig über unsere Tätigkeiten nicht mehr tiefer nachdenken können, ohne uns bewusst zu werden, wie sehr wir mit unserer Arbeit ein überholtes System am Laufen halten. Dass wir zwar in einer Demokratie leben, sich viele Bürger*innen jedoch ohnmächtig fühlen und den Eindruck haben, nichts bezwecken zu können. Sie empfinden eine allgemeine Lähmung und berufen sich entweder auf zu einfache Antworten oder ignorieren gänzlich die ökologischen und sozialen Entwicklungen unserer Gesellschaft.

Gemeinsam packen wir an

Wir wollten nicht mehr ignorieren und uns ohnmächtig fühlen. Wir wollten gestalten, verändern, mitmachen und die Probleme hier vor Ort anpacken.

So gründete sich 2017 eine kleine Gruppe von sechs ehemaligen Pfadfindern, die nicht mehr untätig bleiben wollten und sich gegen die Zerstörung der Natur, den Aufstieg der Rechtspopulisten und die Ohnmacht der demokratischen Mitbestimmung aufstellte. 

Doch wie gestaltet man Veränderung, wo fängt man an und wie motiviert man andere Menschen zum Mitmachen? Im ersten Jahr wurde unter hohem Aufwand ein Barcamp organisiert, um Menschen mit neuen Ideen anzulocken und ihnen bei der Umsetzung unter die Arme zu greifen. Doch es schien fast so, als ob sich niemand für die neue Nachhaltigkeits- und Demokratieinitiative interessierte. Bereits als die kleine Truppe um inSPEYERed mit dem Gedanken spielte, sich aufzulösen, stieß eine weitere Gruppe junger Frauen hinzu. Auch sie hatten genug vom Zuschauen und passiven Meckern, auch sie wollten gestalten. So taten sich die beiden Gruppen zusammen und starteten mit neuem Schwung ins Jahr 2018.

Statt ein Barcamp für andere Leute zu organisieren, fingen sie nun an, eigene Themen auf die Tagesordnung zu nehmen. Jeden ersten Dienstag im Monat sollte von nun an ein Forum organisiert werden, das drängende Themen der Nachhaltigkeit und Demokratieförderung auf die Tagesordnung setzte. Das Interesse am ersten Forum war groß: über 120 Menschen versammelten sich im Alten Stadtsaal, um den Film „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ zusammen anzuschauen und danach Projektgruppen zu den angesprochenen Themen zu gründen. Die zwei folgenden Jahre waren voller Tatendrang: von der Organisation der Foren über Projekte zur Bepflanzung von Bienenkübeln hin zur Einrichtung von Fahrradstraßen und der theatralischen Auseinandersetzung mit Rollenbildern. Wir waren stets präsent in der Presse und bekamen immer mehr finanzielle wie auch persönliche Unterstützung durch die Stadt Speyer und ihren Bürgerinnen und Bürgern. Sophie und Luise vom #inSPEYERed-Team gründeten sogar einen eigenen unverpackt-Laden, der sich Kaufladen Speyer nennt. Immer mehr Interessierte fanden mit der Zeit ihren Weg zu uns, um an unseren Aktionen und Projekten mitzumachen.

Was hat sich seitdem verändert?

Nichtsdestotrotz mussten wir mit einiger Verzweiflung im Jahr 2019 feststellen: noch immer hatte sich nichts an der grundlegenden Ausrichtung unserer Gesellschaft geändert. Die Geschäfte auf der Hauptstraße kämpften weiter mit hohen Mieten und immer mehr große Ketten erhielten Zugang zu ehemals inhabergeführten Geschäften. Zudem nahm die Anzahl der Autos in der Stadt weiter zu und viele Menschen schienen, trotz der Proteste der Fridays-for-Future-Bewegung, auch weiterhin die gesellschaftlichen Probleme zu ignorieren. Wir entschieden, dass wir diese verfahrene Situation nicht alleine angehen konnten. Deshalb fingen wir an, uns vermehrt mit anderen Initiativen in Speyer zu vernetzen, die ähnliche Ziele wie wir verfolgten.

Doch auch dieser Schritt schien nicht genug. Wenn wir als Speyerer Bürgerinnen und Bürger wirklich über unsere Stadt bestimmen wollen, müssen wir noch einen Schritt weiter gehen. Wir müssen wieder mitbestimmen können, wo und wie wir arbeiten. Wir müssen mitentscheiden, welche Unternehmen wir hier in Speyer in den Geschäften auf der Hauptstraße sehen wollen. Und wir müssen mitdiskutieren, wo die Produkte herkommen, die wir zu uns nehmen und an unseren Körpern tragen. Kurz: wir müssen auch das Wirtschaften gestalten, auf das wir alle angewiesen sind. Doch wie könnte das Wirtschaften aussehen, wenn es nicht von anonymen Märkten bestimmt wird, sondern von uns als regionaler Gemeinschaft gelenkt wird?

Regionales Wirtschaften

Diese Idee vom regionalen Wirtschaften war für viele Menschen schwer vorstellbar, bis 2020 mit der Ausbreitung des Corona-Virus eine schwere Pandemie aus China über die Welt herfiel. Wegen Lieferengpässen mussten Unternehmen teilweise ihre Produktion einstellen. Die Abhängigkeit vom globalen Weltmarkt offenbarte ihre Schattenseiten. Plötzlich wurde deutlich, dass Deutschland, Rheinland-Pfalz, Speyer große Probleme bekommen würde, wenn das globale Handelssystem nicht mehr einwandfrei funktioniert und auf die schiefe Bahn gerät. Und auf einmal waren wir von inSPEYERed nicht mehr die einzigen, die über eine regionale und damit resiliente, also widerstandsfähige, Wirtschaftsstruktur nachdachten. Doch um das Wirtschaften anders zu organisieren, braucht es nicht nur eine schwere Krise. Es braucht auch Pioniere, die zeigen, dass neue Ideen auch in der Realität funktionieren können.

Die Ideen gibt es schon und werden gerade von inSPEYERed in ihrer Wirtschaftsreihe diskutiert. Wir wollen die Pioniere in Speyer sein. InSPEYERed will vorangehen und regionale Wirtschaftsstrukturen aufbauen. Durch die verkürzten Handelswege können mehr Menschen selbstbestimmt arbeiten und einkaufen und Produktion und Konsum nachhaltiger organisiert werden. Durch den direkten Kontakt zwischen Hersteller und Kunde/Kundin wird Transparenz und Vertrauen geschaffen. Nicht mehr nur der billigste Preis steht dann im Mittelpunkt, sondern auch die Produktionsverhältnisse und deren sozialen sowie ökologischen Auswirkungen.

Durch die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Region haben Menschen mehr Zeit, um sich in die Gestaltung der Stadt einzubringen und müssen nicht mehr so viel mit dem Auto fahren. Regionalere Wirtschaftskreisläufe sorgen außerdem dafür, dass das Geld im regionalen Kreislauf bleibt und nicht direkt an große Konzerne abfließt. So hat die Stadt auch mehr Handlungsspielraum, um den öffentlichen Raum zu pflegen und die Wünsche der Bürger*innen umzusetzen. Neue Konzepte der gemeinsamen Nutzung von „Dingen“, wie z. B. Autos, Werkzeug oder Lastenrädern, entstehen und soziale Beziehungen zwischen den Speyererinnen und Speyerern werden gepflegt. Alte Güter werden gemeinsam in Repair-Cafés repariert oder in sog. FabLabs hergestellt. Dabei bleibt mehr Geld zur Verfügung, um bewusst gute Lebensmittel und Kleidung einzukaufen, die nicht aus Bangladesch, sondern z. B. wieder aus Römerberg stammen.

Die Menschen in Speyer lernen sich dadurch neu kennen. Menschen aller Herkunft und Couleur arbeiten zusammen und Rassismus und Hass haben keine Chance. Die ökologische Katastrophe kann abgewendet werden. Die Pandemie wird bekämpft, indem weniger Geld für die Rettung einer wachstumsgetriebenen Wirtschaft ausgegeben werden muss. Stattdessen können höhere Geldbeträge in das Gesundheits -und Bildungssystem fließen. Die Menschen beteiligen sich an kommunalen Entscheidungen und lernen den Wert der Demokratie neu zu schätzen. So werden in Zukunft auch Präsidenten wie Donald Trump oder Boris Johnson verhindert. Die Probleme scheinen global, am Ende müssen wir sie aber lokal angehen. Deshalb: Mitmachen statt Meckern – Eine gute Zukunft für alle ist möglich.

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